Schlappen Hännn

Schlappen Hänn

Vom „Schlappen Hännn“

Der Zug Köln–Kleve hatte wieder mal Verspätung. Am Bahnhofsausgang standen die Leute in Erwartung der Reisenden. Ungeduldig stampften die Pferde der Droschkentrischer mit ihren eisenbeschlagenen Hufen auf das Pflaster. Da – in der Ferne, beim Stellwerk an der Kalkarer Straße, ein Rauchwölkchen einer Lokomotive. Der Zug kommt!!!

Am Ausgang stellen sich die Hausburschen der Klever Hotels „Loo“, „Maywald“, „Robbers“, „Bollinger“ an, um die Reisenden mit ihrem Gepäck zu den bereitstehenden Wagen zu geleiten. Auch sonstige „dienstbereite“ Männer standen zur Verfügung der Geschäftsreisenden, die zum Besuch in Kleve selbst, oder die Vertreter noch auf die Eisenbahn angewiesen waren und nicht wie heute selbst einen Wagen besaßen.

Der bekannteste Dienstmann war der „Schlappe Hännn“. Er besaß das Vertrauen der Geschäftsreisenden. Sein Fahrzeug war eine Schiebkarre, die er manche Male hoch mit Musterkoffern beladen in die Stadt fuhr, auf Wunsch auch von Geschäft zu Geschäft. Auf diese Weise hat er auch so manchen Lieferanten und so manchen Kunden in die Klever Schuhfabriken geführt. Der „Schlappe Hännn“ war nicht etwa schlapp. Er besaß körperliche Kraft. Ein Gehfehler, das schlackernde Bein, hatte ihm den Spitznamen „de Schlappe“ eingebracht.

Seine Wiege stand am Ufer des Kermisdahl im Schatten der Schwanenburg. An diesem ehemaligen Rheinarm lagen in alter Zeit die „Waschhäuschen“. Dort spülten damals, als man weder Pril noch Sunil kannte, die Wäscherrinnen ihre Wäsche in der Flut und brachten sie dann auf die Bleiche. Die Straßenbezeichnungen „An den Bleichern“ und „Bleichenberg“ sind eine Erinnerung an jene Zeit. Ein toter Wasserarm, einst der Stauwehr zur Wassermühle, machte den Weg zur Bleiche, heute Teil des Prinz-Moritz-Parkes, mühevoll. Auf und ab mußte man über das Kopfsteinpflaster des Bachbettes seine Schritte lenken.

Diesen beschwerlichen Weg hatte Hännn oft von der elterlichen Wäsche aus zur Wäsche zu ersteigen. Als er heranwuchs machte er sich als Dienstmann selbständig. Wer ihn nicht kannte, fragte ihn zuweilen nach der Arbeit, was er ihm denn schuldig sei. „Dat moi eiges weete“, brummte Hännn gewöhnlich in seinen Bart. Doch wehe, wenn es zu wenig war. Dann konnte er seine Kunden hinterschimpfen, daß es die ganze Straße zu hören bekam: „Den verdammde Seikert, den fiese Köttsack, de soll nächstens sinem Koffers eiges nor Hüss draaoge, ek sin doch nit sinne Gäck!“

Manchen Kilometer legte er täglich zurück. Oft nahm er sich nicht die Zeit zum Mittagstisch, um nicht die fahrplanmäßigen Züge zu verpassen. Dann hieß es, sich auf Marschverpflegung umzustellen. Ein Stück Wurst und einige Brötchen halfen, den Hunger zu stillen. Wichtiger war die Flasche Bier für den Durst. Sie kostete damals 13 Pfennige.

Ja, Essen hielt auch bei ihm Leib und Seele zusammen. Hännn hatte nämlich ein Auge auf die Hausangestellte von Bürgermeister Broekmann geworfen. Der wohnte damals auf dem Hasenberg. Eines Tages schlich Hännn um das Haus. Nach draußen drang der Duft von Reibekuchen. Hännn kam in die Küche und machte Stielaugen.

Das Mädchen hatte schon eine mächtige Schüssel voll gebacken. „Hännn“, sagte sie, „wenn du Appetit hast, iß dich ein paar.“ Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Als sie dann wiederkam, fuhr ihr der Schreck durch alle Glieder. Hännn hatte alle verputzt. Das war des Guten zuviel. Aus war es mit der Liebe, die durch die Bratpfanne ging. So einen verfressenen Mann wollte sie nicht.

Treu und ehrlich hat Hännn im Leben den Dienstmannberuf ausgeübt, bis die Kräfte nachließen. In der Münze, jenem Gebäude, in dem, wie es der Name sagt, einst die Münzen des Herzogtums Kleve geschlagen wurden und das nun ein städtisches Altersheim barg, verbrachte er seinen Lebensabend.

Eines Abends fuhr man ihn in das Klever Vereinshaus, wo Jupp Brùx sein Marionettentheater aufgebaut hatte. Vor den Augen des „Schlappen Hännn“ traten die Klever Originale auf, und er selbst sah sich mit der Schiebkarre am „Bleichenberg“.

Vergebens hat später so mancher Vertreter am Klever Bahnhof nach dem „Schlappen Hännn“ ausgeschaut. Auch die alten Klever ahnen, daß es ihn nicht mehr gibt. Denn zum alten Kleve gehört neben den Dommeltuten unvergänglich der „Schlappen Hännn“.

Bild oben KI generiert

– Elefanten-Post 12. Jahrgang / Februar 1962

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