
In der vorletzten Ausgabe brachten wir einen Beitrag unseres Altjubilars Heinrich Suter über die Theater im alten Kleve, also über die Vorläufer des heutigen Theaters am Niederrhein.
Der zweite Beitrag von Herrn Suter befaßt sich mit alten Klever Laienbühnen. Denn auch das Laienspiel hat in Kleve eine langjährige Tradition, von der noch heute eine recht aktive Laienbühne künden. Eine von ihnen ist unsere Hoffmann-Spielgemeinschaft, die erst vor wenigen Wochen wieder mit einem modernen Weihnachtsstück zur Adventsfeier der Altjubilare beitrug.
Vor 80 Jahren gehörten zu jeder Klever Kirmes noch die Bänkelsänger. Oben an der Marktstraße standen sie und trugen ihre Moritaten in Bildern vor. Auf ihrem Repertoire standen vor allem die neuesten Mordgeschichten, wie „Die Geschichte von der schönen Lola und dem schwarzen Emil“. Denn die Bänkelsänger waren so etwas Ähnliches wie die singende Bildzeitung unserer Ur- und Ururgroßeltern.
Auch andere Schaussteller unterhielten das Kirmespublikum. So berichtet Josef von Lauff in seinem Roman „Pittje Pittjewitt“ von dem Puppenspieler Klaas Peerenboom, vor dessen Puppenbühne herausfordernd gesungen wurde:
„Bier an Kümmel löst den Baas,
Kers an Pomeranze,
Lieveen Ohme Peerenboom
Lott de Pöppkes danze.“
Gegen Ende der achtziger Jahre gab auf dem kleinen Markt in Kleve der Puppenspieler Kronenberg sein Gastspiel. Die Bühne war ein aufgeklappter Wagen, davor waren Bänke zum Sitzen aufgestellt. Das Eintrittsgeld betrug nur wenige Pfennige. Zum Schluß der Vorstellung sang alles den Vers:
„Wille, Wille Wie,
Wille, Wille Wa,
Kronenberg geht noor Amerika.“
Denn Kronenberg wollte in die Neue Welt. Leider kam er nie hin. Mit Mann und Maus, Bühnenwagen und Puppen wurde das Unternehmen vom Ozean verschlungen.
Dafür kam dem Bildhauer Gerd Brüx die Idee einer Klever Puppenbühne. Brüx hatte schon als Kind im elterlichen Hause in der Marktstraße Freude am Puppenspiel gehabt. Später richtete er neben seinem Atelier ein Bühnenhaus, „Die Akteure“, ein und ließ die von ihm geschnitzten Klever Originale am Fuße des Bleichenberges mit selbstverfaßten Texten in Klever Mundart auftreten.
Aber auch das Laienspiel fand in Kleve früh seine Freunde. Träger waren die Theaterabteilungen der verschiedenen Vereine, die ihren Freunden gesellige Unterhaltung bieten wollten. Im Jahre 1886 trat zum ersten Male der katholische Gesellenverein im damals noch neuen Schwanensaale auf.
Zweimal wurde das religiöse Drama „Der Stern von Bethlehem“ aufgeführt und anschließend die Posse „Wirrwarr“ oder „Das verlorene Testament“. Bis zum zweiten Weltkrieg hat diese Truppe, aus der auch die Karnevalsgesellschaft „Woaterklub“ entstand, die Bevölkerung mit ihren Aufführungen erfreut. Gewöhnlich diente ihr der Saal des Kolpinghauses als Bühne.
Auch unser Altjubilar Willi Kool stand dort ungezählte Male auf den Brettern, die die Welt bedeuten. In einer Festaufführung des „Schwanenritters“ spielte der verstorbene Peter Brauer die Rolle des Lohengrins. Auch der dramatische Verein war zeitweise auf dieser Bühne zu Hause. Den Älteren unvergessen ist noch seine Aufführung der „Deutschen Kleinstädter“ (Kotzebue schrieb das Stück zum Teil in Kleve nieder, wie die Ausdrücke „Prinzenhof“ und „Blauer Himmel“ im Text bestätigen). In diesem Stück hatte unser Altjubilar Josef Wingels eine Rolle.
Auch Klaus Alberts mit seinen beiden Brüdern war von der Partie. Im Drama „Der Strom“ spielte er mit Hingabe einen der Retter beim Deichbruch der Weichsel. Niemand, der ihn sah, ahnte, daß er selbst 25 Jahre später bei Rettungsarbeiten ein Opfer des Bombenkrieges werden würde. Auch in Gerhart Hauptmanns Traumdichtung „Hanneles Himmelfahrt“ sowie in „Wieland der Schmied“ auf der Waldbühne im Schützenhaus war er Meister seiner Rolle.
Wenn wir weitere Laienspieler aus unserem Betrieb suchen, dann finden wir sie im früheren Materborner Kriegerverein, wo unser Jubilar Fritz Bodden sich u. a. in Theodor Körners Drama „Zriny“ auf die Bretter schwang. Wie viele Klever Schüsterkes haben in ihrer Schulzeit dieses Stück aus den Türkenkriegen neben „Wilhelm Tell“ beim Rektor Kestnerich in der Schule an der Mühlenstraße durchgeochst.
„Zeck“ nannten sie ihren Lehrer. Auch unser verstorbener Absatzaufdrücker Theodor Schittly spielte in Materborn seine Titelrolle als Schinderhannes, und in dem Schauspiel „Die Waffen wieder nieder“ der pazifistischen Schriftstellerin Berta von Suttner, die 1905 den Friedensnobelpreis erhielt, machte unsere heutige Rentnerin Dora Bernard von sich reden.
Im Vereinshaus an der Stechbahn zeigte vor allem in den Wintermonaten die Spielschar des katholischen Arbeitervereins ihr Können. Unser Altjubilar Zuschneider Heinrich Michels war dort lange Zeit mit von der Partie und auch der verstorbene Mitarbeiter Fritz Gietzen, der den Fremdenlegionär in dem gleichnamigen Stück gespielt hat. (Dabei kam ihm seine eigene Erfahrung als Fremdenlegionär zugute.)
Immer war es vor allem die Jugend, von der die Initiative zum Laienspiel ausging. So ist es bis heute geblieben. Die Kleine Bühne, die heute neben unserer Spielgemeinschaft die einzige Laienspielbühne in Kleve ist, ging aus der katholischen Jugend der Stiftspfarre hervor. Auch in Materborn lebt das Laienspiel fort – in der Spielschar der katholischen Arbeiterbewegung, der u. a. unsere Mitarbeiter Willi Simons und Ilse Bongertmann angehören.
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– Elefanten-Post Januar 1967
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