
Über fünf Jahrzehnte sind verflossen, seit der Klever Bahnhof noch auf Kellener Gebiet lag. Die alte Frau Dennesen, die ihren Lebensabend bei ihren Kindern „Köbes“ und „Lisa“ verbrachte, hatte ihre Augen zur ewigen Ruhe geschlossen. Sie war die letzte aus dem nun nach Kleve eingemeindeten Bahnhofsviertel, die man in Kellen, im Schatten der alten Kirche, beisetze.
Das Leben im neuen Klever Stadtteil nahm seinen Fortgang. Die Pannofenstraße, wo die alte, als „Tante Bätt“ bekannte Wirtschaft Küppers lag, war eine Hauptverkehrsader der Unterstadt. Sie führte auf den „Ladestrang“. Da waren drei Gleise für den Güterumschlag; dazwischen lag eine kleine Wellblechhütte, die der Amtssitz des „Bahnmeisters“ August Lamers war.
Ein Sondergleis führte von hier zur Margarinefabrik Wahnschaffe. Morgens um sechs Uhr rollten die ersten Waggons zum Werk, an einer mächtigen Kette von zwei schweren Pferden gezogen. Voraus eilte mit einer großen Glocke der alte Börgers, der das Warnzeichen gab. Stallmeister Bianchi leitete den Einsatz der Pferde im gesamten Werksverkehr, auch im Beliefern der Stadtkundschaft, die Wemm van Hamern zu betreuen hatte.
Die schweren Schlagkarren der Kohlenhändler und sonstigen Fuhrunternehmer hatten dem Pflaster der Pannofenstraße schwer zugesetzt. Vor allem bei nassem Wetter wies die Straßendecke riesige Schlammpfützen auf. Die Fuhrleute und mit den hochgeladenen Karren machten meist neben den Stallungen der Margarinefabrik bei „Tante Bätt“ ihre erste Ruhepause. Tausende der traditionellen Führmannsschnäpse „Kloore met Klönjtes“ (Klarer mit Süßem Zucker) hatte die alte Dame in ihrem Leben eingeschenkt. Ihr Bruder, „Onkel Anton“, war jeden Tag damit beschäftigt, den großen, auf der Tenne liegenden Fässern das kostbare Naß zu entnehmen.
Wenn es Mittag wurde und die entladenen Güterwagen umrangiert waren, ging auch der diensttuende Bahnwärter zum Essen. Dann stellten sich am Ladestrang ungebetene Gäste ein. Sie kamen aus den alten Weberviertel. Es waren Frauen, deren Männer meist an einer bestimmten Straßen Ecke standen und die vor allem einen gemeinsamen Feind kannten: die Arbeit!
Den Frauen fiel also das Los zu, für den nötigen Hausbedarf zu sorgen. Vielfach waren sie mit einem alten Kinderwagen ausgerüstet, um ihre Schätze zu bergen. Sie sammelten alles, was von Karren und Waggons gefallen war. Eigentlich war ja das Betreten des Ladestrangs für Unbefugte verboten; aber wenn die Luft rein war, nahmen sie sogar mal was von den Waggons. So genau kam es nämlich nicht darauf an. Unter dem Namen „Koolestriezers“ waren sie überall bekannt.
An einem Mittag aber passierte das mit „Leen“, „Kaat“ und „Trij“. Aus allen Richtungen kamen Polizisten zum Ladestrang, selbst über den Hof des alten Schulhauses, wo der Lehrer Küppers wohnte, von seinen Schülern „de Kluck“ genannt.
Den dreien ging es also an den Kragen, und damit die Einkreisung auch hundertprozentig war, leitete der Gendarm die Aktion hoch zu Roß. Nachdem man ihrer habhaft geworden war, setzte der pflichtbewußte Gendarm alle drei in den Sattel seines Pferdes. Um den Erfolg auszukosten und eine wirksame Abschreckung zu erzielen, führte er selbst das Pferd mit der „kostbaren“ Last zum Rathause. Immer wieder hörte man als Bekräftigung einer unwiderlegbaren Tatsache sein sieghaftes: „Nun hab ich euch!“
„Minnen ärme Mann änn minn Kinder!“ wehklagten die so merkwürdig berittenen Amazonen. Aber für den preußischen Beamten gab es kein Erweichen. Er führte die „Drei auf einem Pferd“ ihrer Strafe zu.
Außer Kohlen, Holz und Bier aus Dortmunder oder Düsseldorfer Brauereien wurden auch noch andere Stückgüter zum weiteren Transport am Ladestrang in Empfang genommen. Am Prellbock des ersten Gleises stand eines Tages ein mächtiger Dampfkessel.
Empfänger: Schuhfabrik Gustav Hoffmann. Mittels Winden wurde er auf einen Spezialwaggon gehievt, und in der Frühe des nächsten Morgens weckten anfeuernde Huf- und Hottrufe der Fuhrleute die Anwohner. Ein Dutzend Pferde war zum Ziehen vorgespannt. Da sie aber nicht gleichmäßig anzogen, gab es unzählige Halte. An jeder Station wurde nach dem bekannten Wahlspruch verfahren: „Wer gut schmeert, der gut fährt.“ Der „Kloore met Klöntjes“ machte die Runde. Aber die Fuhrleute hatten heisere Kehlen bekommen – trotz des Schmierens.
Zwei Schuhfabriken gab es zu jener Zeit noch in diesem Stadtviertel: die Nachfolgerin von Bandle, die Firma F. W. Böhmer auf der Kermisdahlstraße, und ein Kleinbetrieb von Johann Greven auf der Königstraße, gegenüber dem „Deutschen Haus“ mit seinem Wirt „Männeke Gellings“.
Der Betrieb von Gersenbeck auf der Kalkarer Straße war ja schon längst in Konkurs gegangen. Die Konkursmasse bildete den Ausgangspunkt Hoffmannscher Produktion. Aber noch eine Besonderheit zeichnete die Kalkarer Straße in jener Zeit aus: Hier, etwa an der Stelle, wo heute die Orangerie liegt, war das Zielband der Radrennen Basel–Kleve.
Der Radfahrverein „Über Berg und Tal“, dem auch Gustav Hoffmann angehörte und als dessen Mitglied er seine radsportlichen Trophäen errang, war bei der Ausrichtung beteiligt.
Der „Lohengrin“, der durch das Standbild des Großen Kurfürsten 1909 vom Kleinen Markt verdrängt und in die Unterstadt verschlagen worden war, sah noch so manches Ereignis an sich vorüberziehen.
Er ist, wie auch die Margarinefabrik, infolge der Kriegsereignisse verschwunden. Das Stadtbild hat sich verändert. Still ist es am Ladestrang geworden. Die Motorisierung erspart das Umladen. Nur die ältesten Klever wissen noch von der vergangenen Welt der „Tante Bätt“.
Bild oben KI generiert
– Elefanten-Post 11. Jahrgang / September 1961
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