Klever Originale – Der „Adler“

Blauer Montag. Auf den Höhen des Tiergartenwaldes hatten sich die Angehörigen der Schusterzunft eingefunden. Nur einer fehlte noch. Es war der „Adler“. Am Morgen hatte man ihn noch in der Weberstraße gesehen. Er kam mit einem Korb voll Zuschnitten für Wendeschuhe, die er in Heimarbeit herstellen sollte, aus einer der Klever Schuhfabriken.
Seitwärts, in die Spitzgasse war er eingebogen und zwischen hohen Hecken verschwunden. Hier war sein Horst. Von hier aus überblickte er die ganze Gegend. Von der „Adolfslust“ über „Gruft“ und „Held“ bis in die Rheinebene entging nichts seinem Adlerauge. Aber nicht deshalb hieß er der Adler, sondern wegen seiner Nase, die scharf gebogen aus dem Gesicht hervorsprang.
Vernahm er von der gegenüberliegenden Höhe, also aus dem Tiergartenwald, wo die Schüsterkes montags zu trinken pflegten, ihren Alalalaiti-Ruf, galt es auch für ihn, dazuzugehören und die Arbeit ruhen zu lassen.
Im Kreise der Feiernden war der Adler eine wichtige Persönlichkeit. Wenn er sein Körnchen intus hatte, wurde er zackig und amüsierte in strammer Haltung sein Publikum. Auch wenn anderswo etwas los war, gleich ob Kirmes oder Schützenfest, tauchte er auf, vor allem wenn die Festlichkeit mit Musik zusammenhing.
Daß mit Musik alles besser ging, hatte auch schon die Klever Feuerwehr erkannt. Sonntags früh um sechs Uhr zog sie zur Übung aus, Tambourkorps und Musikkapelle an der Spitze. Die Mannschaften folgten mit den Gerätewagen. Den Schluß bildete die große mechanische Leiter, von einem Pferd gezogen, dem Christ Röskens die Zügel hielt.
Beim Ertönen der Musik flog mancher Bürger aus seinen Federn. Viel Volk ging der Musik voraus. Exakt führte August Hogendyk seinen Tambourstab, wie er es bei den 39ern in Düsseldorf als Füsilier gelernt hatte. Aber einer, der wenige Meter vor ihm ging, versuchte ihn an Schneid zu übertreffen. Es war der Adler. Seine hagere, aufrechte Gestalt mit den dinarischen Gesichtszügen bewegte sich eckig und gespreizt vorweg.
Im Munde hatte er stets seine „Erdemütze-Piep“ (Tonpfeife). Während er mit dem Mittelfinger den Tabak nachdrückte, stand sein steifer Zeigefinger senkrecht nach oben gerichtet neben dem Pfeifenkopf. Wie schaute dann das Publikum auf den Adler, wenn es hieß, in eine andere Straße einzubiegen: auf der Straßenseite legte er einen Winkelzug hin, der einem preußischen Unteroffizier alle Ehre gemacht hätte.
Wo auch der Adler auftauchte, sein Pfeifchen war stets sein treuer Begleiter, ergänzt durch einen „spitzen Tut Groffschnett van Wellem Mertens“. Das war eine spitze Tüte Grobschnitt von Wilhelm Mertens, einer alten Klever Tabakfabrik.
Aber auch für den Adler galt es eines Tages, Abschied zu nehmen von den alten, lieben Gewohnheiten. Es kam die Zeit der Ruhe. Wenn auch sonst ein altes Bäumchen nicht gerne verpflanzt wird, der Adler verlegte eines Tages seinen Horst.
In der neuen Stadtrandsiedlung „Am Weißen Tor“ verbrachte er den Lebensabend bei seinem Sohn. Für ihn, den Freund der Natur, der ein Leben lang den Tiergartenwald durchstreift hatte, war der Sternbusch, den ihn jetzt einlud, nicht unbekannt. Wie oft hatte er hier die Soldaten zum Scheibenstand beim Haus Kuckuck in Hau begleitet!
Am „Trömmeltjesweg“, wo die Trommler übten, und am „Flachsberg“ hatte er sein Alalalaiti ertönen lassen. Dies Alalalaiti war ein Jodler, der, später durch Willi Richrath in Walzertöne gesetzt, den beliebten Refrain unseres Schüsterkesliedes bildete. Wenn heute das Alalalaiti ertönt, dann soll die Erinnerung gelten an die, die es vor uns riefen, und ihre „Prominenten“. Hierzu gehörte auch der „Adler“.
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– Elefanten-Post 12.Jahrgang / Oktober 1962
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