De Bänn

De Bänn

Klever Originale
„De Bänn“

Notiz aus einer Klever Tageszeitung vom 16. Dezember 1910:

Das Gasthaus verschwindet!

„Das allen älteren Klever Bürgern unter dem Namen „Gasthaus“ bekannte Städtische Schulgebäude wird, da die Abbrucharbeiten rüstig fortschreiten, in wenigen Wochen völlig verschwunden sein. Manche von den Tausenden, die seit dem Jahre 1847 im „Gasthaus“ Unterricht genommen haben, werden noch einen Weg durch die Schlaggasse machen, um noch einmal der Stätte, wo sie so schöne Stunden verbrachten, einen Blick stiller Wehmut zuwerfen zu können.“

Ja, dieses alte Gebäude, an der Verbindung vom Großen Markt zum Regenbogen gelegen, mußte wegen Einsturzgefahr geräumt werden. Die ganz alten Klever Schulkinder haben diese Schule noch besucht und wußten von den hier Erlebten zu erzählen, von den strengen Lehrern und den „Heldentaten“ früherer Mitschüler.

Besonders von einem, der sein Leben mit Humor meisterte: Albert, dem Sohn eines „Bännemakers“ (Korbmacher) in der Marktstraße, der von seinem Vater den Spitznamen „de Bänn“ hatte.

Dieser Albert hatte die schwache Seite seines Lehrers Hesper erkannt. Die Erfindung des schwedischen Chemikers Alfred Nobel (1833–1896), das Dynamit, war damals noch jungen Datums. Lehrer Hesper aber hatte, da es schon zur Sprengung der Flöze in den Bergwerken Verwendung fand, eine gewaltige Angst, wenn im Ofen etwas knallte.

An einem Morgen hatte de Bänn aus dem Geschäft seines Vaters eine Tüte alter Erbsen mitgebracht und unter die Kohlen gemischt. Kaum hatte der Unterricht begonnen, ging es auch schon im Ofen los: „Peng – bumm – peng, peng!“

Lehrer Hesper verlor natürlich die Nerven. „Alle raus!“ rief er, „Dynamit – Kinder! Die Schule fliegt in die Luft!“ Als alles draußen war, wurde die Polizei gerufen. Eine große Untersuchung des Vorfalles fand statt. Der Ofen wurde vorsichtig ausgeräumt. Ein Polizist holte die Putzfrau, die ihrerseits die Kohlen aus dem Keller geholt hatte. Lange Vernehmung.

Der Vormittag ging hin. Schließlich ergab die Fahndung, daß die Knallerei von Erbsen herrühren müsse. Doch der Täter wurde nicht ermittelt. Erst nach Jahrzehnten lüftete de Bänn selbst sein Geheimnis – in der Presse!

In späteren Jahren übernahm de Bänn die Wirtschaft „Zum Alten Fritz“. Wenn die Schuhfabriken am Großen Markt Lohntag hatten, kehrten auch die Schüsterkes gerne hier ein. Eines Tages sah einer von denen, die ihren schönsten Platz auch damals schon an der Theke fanden, einen scheinbar vergessenen Taler auf dem Messing der Theke vom „Alten Fritz“ liegen. Gelegenheit macht Diebe. Vor der Theke kam langsam eine Hand hoch und griff nach dem Geldstück.

„Nur keine Mühe machen“ sagte de Bänn, „der Taler ist angelötet!“

Es dauerte nicht lange, da kam ein Schlager in Mode, den heute noch viele kennen. „Komm in meine Liebeslaube, in mein Paradies!“ De Bänn hatte sich darauf eingestellt und zum Karneval sein ganzes Lokal in ein Paradies verwandelt, indem er es mit Lauben schmückte. „Seht, seht, das ist ein Geschäft!“ Das brachte noch was ein.

Aber es ging nicht ewig. In den zwanziger Jahren zog die „Heilsarmee“ beim „Alten Fritz“ ins Quartier. De Bänn gab den Wirteberuf auf und wurde Fremdenführer des Verkehrsvereins. Das war was für de Bänn. Und wie er es verstand, den Fremden die Reize des Klever Landes zu vermitteln! Ein Spezialgebiet von ihm war die Führung über den Klever Friedhof.

Vor allem wenn es sich um holländische Besucher handelte. Äußerst beeindruckt war man, wenn er mit feuchtem Tremolo in der Stimme auf das Grab einer dreizehnköpfigen Familie hinwies: „Gestorben an Tb.“ Es folgte eine Reihe moderner Grabmale. „Ja, früher hatten die Engelchen lange Haare und heute — Bubiköpfe“, sagte der Führer der Gesellschaft in zweifelhafter Heiterkeit. Von der Höhe des Ehrenfriedhofes schweifte dann der Blick auf das Hügelgelände der Materborner Schweiz.

Am Rand lag die Burg Ranzow, auch damals ein Heim für Alte und Kranke. Todernst flunkerte der Fremdenführer, indem er mit der Hand auf Ranzow wies: „Und in diesem schönen Gebäude leben 5000 Geisteskranke.“ Ein hohes Trinkgeld in holländischer Münze war sein Lohn.

Der Krieg setzte der Tätigkeit von de Bänn ein Ende. Auch er ging in die Evakuierung und kehrte bei Kriegsende nicht zurück. Nachforschungen ergaben, daß er nicht zu den Überlebenden gehörte. Irgendwo in Niedersachsen liegt nun auch sein Grab, das Grab von „de Bänn“, der in seinem Leben nie den Humor verloren hatte.

Bild oben KI generiert

– Elefanten-Post 12. Jahrgang / August 1962

Die hier veröffentlichten Beiträge aus den historischen Werkzeitungen der „Elefanten-Post“ unterliegen dem Urheberrecht.

Jegliche Vervielfältigung, Verbreitung, Weitergabe oder Veröffentlichung in anderen Medien oder auf externen Websites ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Klever Schuhmuseums nicht gestattet.

Nach oben scrollen